Leseprobe aus "Die Schwachpunkte des Systems"

Die DDR-Regierung wollte alle jungen Menschen atheistisch erziehen sowie den christlichen Glauben systematisch bis zur Auslöschung urückdrängen Dabei schreckte die Staatsmacht selbst vor sehr repressiven Maß- nahmen nicht zurück:

 

  • In den fünfziger Jahren wurden viele Christen verfolgt. Die „Jungen Gemeinden“ und die christliche Studentengemeinde galten als staats-feindlich. Viele christliche junge Menschen wurden von den Oberschulen verwiesen und teilweise sogar verhaftet. 
  • Mit der Jugendweihe sollte die Konfirmation weitgehend verdrängt werden. Viele evangelische Jugendliche ließen sich trotzdem kon- firmieren, nahmen aber auch an der Jugendweihe teil, um Konfron-tationen mit der Schule und den anderen staatlichen Einrichtungen zu vermeiden. Die Kirche akzeptierte diese Vorgehensweise.
  • Christliche Formulierungen wurden so weit wie möglich aus dem Sprachgebrauch entfernt. Bei der Datierung von geschichtlichen Er- eignissen hieß es daher nicht mehr „vor Christi“, sondern „vor unserer Zeitrechnung“.
  • Religionsunterricht war an den Schulen verboten. Stattdessen wurde die Religion in der Schule als lächerlich hingestellt und christliche Kinder wurden von ihren Lehrern oftmals in die Außenseiterrolle gedrängt.
  • Christliche Jugendliche wurden bei der Vergabe von Ausbildungs-plätzen benachteiligt. Zudem erhielten sie oftmals keinen Zugang
    zu den Erweiterten Oberschulen mit Abitur und konnten daher keinen Studienplatz erlangen.
  • Christlen blieben berufliche Karrieren im Staatsdienst weitgehend verwehrt, außerdem durften sie in der Regel keine Leitungsfunktionen ausüben.

 

Aus Protest gegen die Unterdrückung von Kindern und Jugendlichen in den Schulen beging der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz am 20 August 1976 in tiefster Verzweiflung Selbstmord: Er stellte sich mit zwei Protestplakaten vor dier Michaeliskirche in Zeitz im heutigen Sachsen-Anhalt auf und übergoss sich mit Benzin. Anschließnd zündete er sich selbst an. Der schwer verletzte Pfarrer wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er zwei Tage später verstarb. Die DDR-Medien diffamierten seine Verzweiflungstat als psychopatische Handlung.  Erst dreißig Jahre später, im August 2006, ent schuldigte sich das „Neue Deutschland“ offiziell für seinen damaligen, verleumderischen Artikel.

In der DDR durfte keine Kirchensteuer erhoben werden, sodass die Gemeinden weitgehend auf Spenden angewiesen waren. Sie erhielten darüber hinaus finanzielle Unterstützungen aus dem westlichen Ausland. Da von staatlicher Seite die Unterstützung ausblieb, verfielen viele Kirchenbauwerke. Einige Kirchen wurden sogar bewusst abgerissen bzw. gesprengt, darunter die St. Marienkirche in Wismar, die Dresdner Sophienkirche und die Garnisonskirche in Potsdam.

Die Christen zeigten sich untereinander sehr solidarisch und empfanden daher, trotz aller Repressalien, eine gewisse Sicherheit. So fühlten sie sich der Staatsmacht nicht vollkommen schutzlos ausgeliefert. Für die meisten Christen kam eine ständige Ausreise aus der DDR nicht in Betracht, da sie mit ihrem Glauben auch eine politische Verantwortung verbunden sahen und deshalb versuchten, die Lebensverhältnisse innerhalb ihres eigenen Landes zu verbessern.