Leseprobe aus "Parteien und Massenorganisationen

Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) ging aus der mehr oder weniger unfreiwilligen Vereinigung von SPD und KPD hervor und etablierte sich, mit Unterstützung der Militärregierung, zur praktisch allein regierenden Partei in der sowjetischen Besatzungszone und in der späteren DDR.

Da in der Zeit des Nationalsozialismus bis auf die NSDAP alle Parteien verboten waren, mussten sie sich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges neu gründen. Am 10. Juni ließ die sowjetische Militärregierung alle antifaschistischen Parteien und Gewerkschaften wieder zu. Bereits einen Tag danach gründete sich die KPD neu, fünf Tage später folgte die SPD.

Bereits im Sommer 1945 sprachen sich Teile der Führungen beider Parteien für einen Zusammenschluss aus. Hintergrund war die Erinnerung an dieSpaltung der linken Parteien während der Weimarer Republik, die unter anderem dazu geführt hatte, dass die NSDAP die Macht an sich reißen konnte. Zunächst lehnte die KPD das Vereinigungsangebot der SPD ab, aber auch innerhalb der SPD herrschten ganz unterschiedliche Ansichten über eine Vereinigung, insbesondere zwischen den Vorsitzenden der westdeutschen SPD Kurt Schumacher und Otto Grotewohl, dem Parteivorsitzenden der SPD in der sowjetischen Besatzungszone. Die Kontroversen gingen so weit, dass die sowjetische Militärregierung einzuschreiten drohte und dass der sächsische Landesverband der SPD beabsichtigte, sich selbstständig mit der KPD zu vereinigen. Andererseits konnten einige Führungsmitglieder der KPD ihre Forderung, die Sozialdemokraten ganz aus der Regierung auszuschließen, nicht durchsetzen, da den Kommunisten für eine alleinige Regierung der Rückhalt in der Bevölkerung fehlte.

Eine Urabstimmung über die Vereinigung von KPD und SPD unter SPD-Mitgliedern fand nur in den Westsektoren von Berlin statt. Dort sprachen sich 82 Prozent aller Stimmen-berechtigten gegen eine sofortige Vereinigung aus. Für die von Kurt Schumacher geführte SPD in den westlichen Besatzungszonen stand eine Vereinigung mit der KPD völlig außer Frage. Daher kam es dort zu keiner Urabstimmung.

Eine solche Urabstimmung wurde auch in der Sowjetischen Besatzungszone unterbunden und das Votum der SPD-Mitglieder nicht eingeholt. So versammelten sich im April 1946 - trotz aller ungeklärten Streitpunkte - die Delegierten von SPD und KPD zu einem gemeinsamen Parteitag in Berlin. Der Vorsitzende der KPD Wilhelm Pieck und der SPD-Vorsitzende Otto Grotewohl reichten sich am 21. April 1946 die Hände als Symbol der Vereinigung beider Parteien. Dieser historische Händedruck wurde auf dem Parteiemblem der neu gegründeten SED nachempfunden.

 

Kurz nach ihrer Gründung hatte die SED bereits 1,3 Millionen Mitglieder. Ein Drittel aller Lehrer und Angestellten, ein Viertel aller Industriearbeiter und ein Fünftel aller Bauern waren in der SED organisiert. Die Mitgliederzahl stieg im Jahre 1948 auf über zwei Millionen an, dies entsprach 16 Prozent der Gesamtbevölkerung in der sowjetischen Besatzungszone. Erklärtes Ziel der Partei war der Sozialismus, der anfangs noch auf demokratische Weise erreicht werden sollte. Daher wandte sich die SED zunächst vom Leninismus ab und hatte weder ein Politbüro noch einen Generalsekretär. Sämtliche Ämter wurden von ehemaligen Kommunisten und Sozialdemokraten gleichermaßen besetzt. Die SED besaß mit Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl zunächst auch zwei Parteivorsitzende.

Doch in den folgenden Jahren distanzierte sich die Parteiführung zunehmend von den Grundsätzen ihrer Vereinigung und drängte den Einfluss der Sozialdemokraten bis 1949 fast vollständig zurück. Andererseits gelang es der SED nicht, ihren Einfluss auf die westlichen Besatzungszonen auszuweiten.

Bereits ab Januar 1949 verstand sich die SED als Partei neuen Typus. Diese Bezeichnung war erstmals von Wladimir Iljitsch Lenin (1870 - 1924, Gründer der Kommunistischen Partei Russlands), geprägt worden. Für eine solche Partei waren die marxistisch-leninistische Ideologie und der demokratische Zentralismus (Führung von oben nach unten) verbindlich, genauso wie eine strenge, innerparteiliche Disziplin. Außerdem beanspruchte eine Partei neuen Typus für sich die alleinige Führungsrolle im Staat für sich, sodass die SED ihren Führungsanspruch sogar in der Verfassung der DDR verankern ließ...