Leseprobe aus "Bewegende Ereignisse aus der Geschichte"

 

Der 7. Oktober 1989, der 40. Jahrestag der DDR, wurde sowohl im Inland als auch im Ausland mit großer Spannung erwartet. Inzwischen stand zwar fest, dass die Zeit für einen Umbruch gekommen war, aber niemand wusste, wie sich die Lage weiter entwickeln würde. Obwohl bereits mehrere Tausende Menschen ihr sozialistisches Vaterland verlassen hatten, berichtete die Nachrichten-sendung „Aktuelle Kamera“ von „Höchstleistungen der Werktätigen zu Ehren des  40. Jahrestages ihrer Republik“. Über die Botschaftsflüchtlinge wurde dagegen nicht berichtet, genauso wenig darüber, dass immer mehr Menschen öffentlich ihren Unmut äußerten. Während in Ostberlin die Jubelfeiern zum Jahrestag vorbereitet wurden, stand die DDR in ihrer tiefsten Krise seit Juni 1953 und seit August 1961.

Am 6. Oktober traf der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld ein. Honecker begrüßte seinen Gast mit dem, unter den sozialistischen Ländern gebräuchlichen, Bruderkuss. Dabei war das Verhältnis zwischen beiden Staatsoberhäuptern inzwischen sehr angespannt gewesen, denn Gorbatschow hielt Honecker für regierungsunfähig. Honecker warf Gorbatschow dagegen einen Verrat an den Sozialismus vor.

Während der Fahrt zur Neuen Wache jubelten Tausende Menschen, die sich an den Straßenrändern aufgestellt hatten, dem sowjetischen Gast zu. Während eines anschließenden, kurzen Interviews äußerte er: „Ich glaube, dass Gefahren nur auf diejenigen lauern, die sich nicht beeilen.“

Daraus entstand später der vielmehr bekannt gewordene, wenn auch sehr frei übersetzte Satz: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Auf seiner ersten Festrede zum bevorstehenden Feiertag äußerte sich Honecker nicht zu den Problemen in seinem Land. Aber auch Gorbatschow blieb zurück-haltend, worauf die meisten Menschen im In- und Ausland enttäuscht reagierten. Die wahren Gründe für seine Zurückhaltung konnten nie heraus-gefunden werden, aber jedenfalls wusste Gorbatschow bereits, was die Öffentlichkeit noch nicht ahnte: Honeckers Absetzung als Regierungschef stand unmittelbar bevor.

Wie an jedem Vorabend des Nationalfeiertages veranstaltete die Freie Deutsche Jugend (FDJ) auch am 6. Oktober 1989 einen Fackelumzug. Während die rund 100.000 Teilnehmer an der Ehrentribüne vorbeizogen, jubelten sie nur Gorbatschow zu. Sein Gastgeber Honecker erfuhr dagegen keinerlei Beachtung.

Am Morgen des 7. Oktober hielt die Nationale Volksarmee der DDR (NVA) eine pompöse Militärparade ab. Damit wollte die DDR noch einmal nach außen hin Stärke zeigen.

Gegen 13 Uhr kam Gorbatschow im Schloss Niederschönhausen zu einem Gespräch mit der DDR-Regierung zusammen. Er unternahm einen letzten Versuch, die Regierung zu einem Kurswechsel zu bewegen. Doch die Regierungsmitglieder ignorierten seine Ausführungen; Honecker äußerte sich sogar verhöhnend über seine Reformpolitik, die seinem Land nichts anderes als Probleme eingebracht hätte. Daraufhin sagte Gorbatschow jegliche weitere Unterstützung aus Moskau ab. Spätestens zu diesem Zeitpunkt stand fest, dass die DDR nicht lange weiter existieren konnte, da sie sehr stark von der Sowjetunion abhängig war...