Leseprobe aus "Bildung auf hohem Niveau"
Die Berufsberatung war ein fester Bestandteil im Schulsystem. Sie wurde von der Schule aus organisiert, doch die jungen Leute konnten sich bei Bedarf auch individuell beraten lassen. Zuständig waren die Berufsberatungszentren (BBZ), die es in allen Kreis- und Bezirksstädten gab und die der Abteilung Berufs-bildung unterstanden. Die Ziele der Berufsberatung bestanden darin, einerseits den jungen Menschen ihren Einstieg in das Arbeitsleben zu erleichtern und andererseits die freien Lehrstellen möglichst so zu besetzen, wie es die staatliche Planung vorgab. Gemäß der sozialistischen Planwirtschaft in der DDR sollten sich beispielsweise 75 Prozent aller Jugendlichen zu Facharbeitern qualifizieren.
Die Planungskommission eines Landkreises legte jedes Jahr fest, wie viele Lehrlinge (der Begriff Auszubildender war in der DDR nicht üblich) jeder Betrieb pro Jahr aufzunehmen hatte. Die Betriebe teilten den Berufsberatungszentren mit, in welchen Sparten sie ausbildeten. Anhand dieser Zahlen wurden die Lehrstellenverzeichnisse erarbeitet und an die Schulen weiter gegeben.
In der siebten Klasse suchten die Schüler erstmals ein Berufsberatungszentrum auf. Zuvor hatten sie ihre beruflichen Wünsche niedergeschrieben und ihrem Klassenleiter übergeben. Während ihres Besuches im BBZ wurde den Schulklassen mitgeteilt, wie viele Lehrstellen für welche Berufe in ihrem Landkreis zur Auswahl standen. Außerdem erfolgte eine erste, meist sehr kritische Diskussion über die von den Schülern geäußerten Berufswünsche. Sie wurden aufgefordert, ihre dahin gehenden Vorstellungen bis zum nächsten Schuljahr noch einmal zu überdenken.
Unter den Jungen waren handwerkliche und technische Berufe wie Installateure oder Rundfunkmechaniker besonders begehrt. Dafür stand aber immer nur eine sehr begrenzte Anzahl an Lehrstellen zur Verfügung. Die Mädchen bevorzugten eine Lehrstelle zur Fachverkäuferin, da in diesem Beruf die Möglichkeit bestand, sehr stark nachgefragte, aber wenig angebotene Waren zu beziehen, um diese entweder selbst zu benutzen oder weiterzuverkaufen. Auch Dienstleistungsberufe wie Kellner oder Frisöre waren sehr gefragt, da das Trinkgeld lockte und die Arbeitszeiten sogar für diese Branchen streng geregelt waren. Weniger attraktiv - aber dafür umso mehr von den Berufsberatungs- zentren angepriesen - waren die Berufe in der Landwirtschaft und in der Produktion.
In der achten Klasse suchten die Schulklassen nochmals ein Berufsbera-tungszentrum auf. Die Schüler sollten sich nun konkreter zu ihren Berufs-wünschen äußern. Zum Ende der neunten Klasse bekamen sie die Lehr- stellenverzeichnisse ausgehändigt, die sie über die Sommerferien durchsehen sollten, um sich dann endgültig für eine Lehrstelle zu entscheiden.
Sehr hilfreich für diese Entscheidung war die Serie „Berufe im Bild“ im DDR-Fernsehen. Darin wurden in Kurzfilmen hauptsächlich Facharbeiterberufe vorgestellt. Diejenigen Berufe, die eine längere Ausbildungszeit bzw. ein Studium erforderten, berücksichtigte diese Serie nicht da sie sich nicht in Kurzfilmen vorstellen ließen.
Zu Beginn des zehnten Schuljahres bewarben sich die jungen Leute auf eine Lehrstelle. Zu einer Bewerbung gehörten ein handgeschriebener Lebenslauf und ein mit Schreibmaschine verfasstes Anschreiben. Bereits in der neunten Klasse hatten die Schüler im Deutschunterricht gelernt, wie diese beiden Schriftstücke zu formulieren waren. Vor den Herbstferien im Oktober wurden die Bewerbungen abgeschickt und die Betriebe mussten innerhalb von vier Wochen darauf reagieren. Im Falle einer Absage erhielt der Bewerber seine Unterlagen zurück und gab diese unverändert an den nächsten Betrieb weiter.
Da die Ausübung jedes Berufes nicht nur mit geistigen sondern auch mit körperlichen Anforderungen verbunden war, musste sich jeder Schüler einer allgemeinen Berufstauglichkeitsuntersuchung beim Schularzt unterziehen. Für einige Berufe waren zusätzliche Voruntersuchungen oder Tauglichkeitstests vorgeschrieben. So musste ein zukünftiger Dachdecker schwindelfrei sein und räumlich gut sehen können, während ein angehender Maschinenbauer nicht gegen Schmieröle und -fette allergisch sein durfte.